Gedichte von Vicente Huidobro

 

Übersetzt von Johannes Beilharz 

 

Nacht

Die Nacht gleitet hörbar über den Schnee

Das Lied fiel aus den Bäumen
Und durch den Nebel klangen Stimmen

Ich zündete meine Zigarre an einem Blick an

Mit jedem Öffnen der Lippen
Überflute ich die Leere mit Wolken

                                    Im Hafen
Sind die Masten voller Nester

Und der Wind
                       seufzt in den Flügeln der Vögel

   DIE WELLEN WIEGEN DAS TOTE SCHIFF

Ich pfeifend am Ufer
       Betrachte den zwischen meinen Fingern glimmenden Stern

(Noche)

 

Ekloge

                                    Sterbende Sonne

Eine Autopanne

Und ein Duft von Frühling
Bleibt im Vorbeigehen in der Luft

                                            Irgendwo
                                                                ein Lied

                    WO BIST DU

An einem Nachmittag wie diesem
                                                           Suchte ich vergeblich nach dir

Im Nebel aller Straßen
Traf ich mich selbst

Und im Rauch meiner Zigarre
Sah ich einen verlorenen Vogel

Niemand antwortete

                                 Die letzten Schäfer ertränkten sich

Und die verirrten Schafe
Fraßen Blumen und gaben keinen Honig

Der Winde der vorbeistrich
Häuft ihre Wolle auf

                                                Zwischen den Wolken
                                                Benetzt mit meinen Tränen

Warum das bereits Beweinte
                                                    nochmals beweinen

Und da die Schafe Blumen fressen
Ein Zeichen daß du bereits vorbeigegangen bist

(Egloga)

    

Stunden

Eine kleine Stadt
Ein auf der Ebene haltender Zug

Taube Sterne schlafen
                              in jeder Pfütze
Und das Wasser zittert
Vorhänge im Wind

                   Die Nacht hängt in den Bäumen der Allee

Im blumenbewachsenen Turm
Blutet ein beständiges Tröpfeln
                          Die Sterne aus

         Dann und wann
         Fallen die reifen Stunden

                   Auf das Leben

(Horas)

   

Kutter

Die Erinnerungen
                                 sind es müde geworden, mir zu folgen

                      DER WEG WAR SO LANG

Dieser Wind kam von etlichen Schwingen
Und die Tage vergehen heulend am Horizont

                                                       Als junger Kutter
                                                       Durchkreuzte ich viele Ungewitter
                                                       Bei Seemannsliedern

Alle Möwen
                       gaben mir Federn in die Hände

Hinter dem letzten Berg
                                             stiegen die Monate hinab

Ein posthumer Gesang versperrte uns die Ausfahrt

(Balandro)

    

Theoretische Äußerungen von Huidobro, dem Vater des Creacionismo

Nichts Anekdotisches oder Beschreibendes. Die Emotion muß allein aus der Kreativität erwachsen.

Mache ein Gedicht, wie die Natur einen Baum macht.

Man muß erschaffen. Das ist das Zeichen unserer Zeit.

Alle Gedichte stammen aus dem Band Poemas Articos, erstmals veröffentlicht 1918 in Madrid. Die Übersetzung basiert auf der 1972 im Editorial Nascimento in Santiago de Chile erschienenen Ausgabe, bei der es sich um einen Nachdruck der Originalausgabe mit einem Vorwort von Dr. Hugo Montes von der Universidad de Chile handelt. Copyright © der Übersetzung Johannes Beilharz 2010.

Englische Übersetzung | Übersetzungs-Index

 

Vicente Huidobro, Poemas árticos, biblioteca popular nascimento, Santiago de Chile 1972.