Gedichte von Gabriel Ferrater

 

Übersetzt von Johannes Beilharz

 

ZIMMER IM HERBST

Die Jalousie, nicht ganz geschlossen, wie
ein vor dem Hinabfallen zurückgehaltenes Erschrecken,
trennt uns nicht von der Luft. Schau, siebenunddreißig
Horizonte öffnen sich, gerade und dünn,
doch das Herz vergißt sie. Ohne Sehnsucht
vergeht das Licht, honigfarben zuvor,
jetzt im Ton von Apfelduft.
Wie langsam die Welt, wie langsam die Welt, wie langsam
der Schmerz um die so eilig
verrinnenden Stunden. Sag, wirst du dich
an dieses Zimmer erinnern?
                                         "Ich mag es sehr.
Diese Arbeiterstimmen ... Wer sind sie?"
                                                            Maurer:
ein Haus fehlt in der Zeile.
                                        "Sie singen,
und heute höre ich sie nicht. Sie rufen, sie lachen,
und heute erstaunt mich ihr Schweigen."
                                                            Wie langsam
die roten Blätter der Stimmen, wie ungewiß,
wenn sie ihre Decke über uns breiten. Schlafend
bedecken die Blätter meiner Küsse
die Schutzstellen deines Körpers, und, während du
die hohen Blätter des Sommers bereits vergißt, die offenen Tage
ohne Küsse, erinnert sich der Körper
in seiner Tiefe: noch
ist deine Haut halb Sonne, halb Mond.
Cambra de la tardor

 

SPIELE

Das Leben in einem so abgelegenen Stadtviertel
bringt uns dazu, unruhig umherzugehen, als ob
wir einen Winkel der Gewißheit suchten, ein stärkeres
Gefühl als die steinerne Trennmauer,
den Haufen von staubverkrusteten und
regenzerfressenen Balken, und den
Eisladen mit den Kindern, die davor
Rollschuh laufen, sechs, mit einem Paar
kreischender Rollschuhe. Schließlich gelange
ich zum Tennisclub Barcelona, einem Club
für die Reichen, und sehe mir die Autos an,
die vor dem Eingang aufgereiht sind und so
voll des guten Willens, die Autos reicher
Leute zu sein; als ob sie eine Art
Seele hätten. Da steht auch ein MG-
Sportwagen, das neue, herabgesetzte Modell,
über das ich neulich gelesen habe, es sei
gedacht für une certaine couche d'acheteurs
Qui trouvent les modèles existants trop chers
:
das heißt wohl, nehme ich an, für die Reichen Barcelonas.
Ich gehe am Zaun entlang. In einer Ecke
liegt ein schlecht angelegter Platz für
jugendliche Anfänger; ihre Bälle landen immer
außerhalb der Umzäunung. Ein ganz blonder Junge tritt heraus
(in makellosem Weiß, da es ihm beim Spiel
an Überzeugung mangelt). Der Anblick
einiger dramatischer Johannisbrotbäume und
der schmutzigen Kinder, die so schlecht Fußball
spielen wie er Tennis - wenn auch mit mehr
Begeisterung - beunruhigt ihn. Er weiß, was Angst
ist, sucht von der Tür aus den Ball mit den Augen
und verläßt seinen sicheren Standort erst, als
er den Ball entdeckt. Er hebt ihn auf und kehrt
im Lauf zurück, krank vor Scham, als er stolpert
und sich das Jubelgeschrei der Kinder erhebt,
die hinterhältig auf die Befleckung seiner
Unschuld gewartet haben.
Ich gehe weiter, und jetzt weiß ich auch,
wohin. Zu einem weiteren Sportplatz, der im Hof
einer Fabrik pharmazeutischer Produkte liegt.
Hier wird in der Dämmerung Basketball gespielt.
Männer und Frauen versuchen, den Tag
so weit wie möglich zu verlängern, in die
immer dichter werdenden Strähnen von Grau hinein.
Sie spielen nicht zum Spaß. Sie lachen,
doch spielen sie Basketball und trainieren
für das Manschaftsspiel, probieren verschiedene
Positionen auf dem Feld aus.
Ich verfolge das Spiel eines hochgewachsenen,
eigentlich zu großen Mädchens. Sie trägt ein
Trikot mit dünnen gelben und roten Streifen.
Ihre Schwäche ist der Wurf auf den Korb:
Sie hat Glück, wenn der Ball auf dem eisernen Ring
verharrt; die Augenblicke werden länger.
Fällt der Ball besiegt ins Netz,
so stößt das Mädchen lachend einen Schrei aus:
ihre Stimme ist heiser wie die der Raubvögel.
Doch ist sie eine gute Teamspielerin und hat
einen idealen Partner: den besten
Spieler auf dem Feld. Er fängt ihren Ball
und spielt ihn nicht weiter; sie läuft nach vorn
und fängt ihn ungedeckt auf, gibt ihn korrekt
an ihn zurück, und er wirft dann geschmeidig auf den Korb.
Ich, indoktriniert und voller
intellektueller Haßgefühle,
weigere mich zu glauben, daß es gar nichts
bedeutet, wenn sie sich so vergnügen,
wenn sie es satt haben, Medikamente zu verpacken
oder auf der Maschine zu schreiben.
Wenn ich sie jetzt anschaue und sie mir
sympathtisch sind, dann möchte ich glauben, daß
sie für mich einen Sinn haben in diesem Spiel der
Sinne, die mich unterhalten, auch wenn sie
bei mir nur schlecht koordiniert sind. Ich möchte
glauben, daß die präzisen Bewegungen dieser
Körper ein guter Präzedenzfall sind, wenn ich
auch nicht weiß wofür.
Els Jocs

 

GESCHICHTSSTUNDE

Eine Brücke über die Dordogne. Mitte Juni
vierzig. Das große Zelt des Himmels
von den erregten Stukas in Stücke
gerissen, die wir vom Norden her erwarten.
Aufeinandergehäufte Fässer mit Nitroglyzerin:
die Brücke muß gesprengt werden. Ein General kommt,
noch gehorcht man ihm, und gibt einen Befehl:
die Fässer werdenn aufgebrochen, das Nitroglyzerin,
ganz demütig gelb, breitet sich
auf dem Fahrdamm der Brücke aus und beschmutzt
Schuhe und Reifen. Einige Jungen,
sechzehn Jahre alt - hohe Stiefel und Unterhosen -
fegen es weiter; sie lachen viel -
es sind Deutsche - und spielen Brückenspringen:
sie haben versucht, die Flüssigkeit zu entzünden, doch
der Gestank des Dampfes hindert sie daran.
Die Vorstellung von dem verräterischen
General begeistert mich. Was mich enthüllt,
kann mich nicht verraten. Dumm gibt er zu
erkennen, daß er sich ganz offen im hellen
Tageslicht verraten kann. Daß ihm die Verratenen
folgen. Sie werden die mechanische Arbeit tun,
die Fässer aufbrechen.
Keiner sieht, wann es ihm gilt, daß es
sein Leben ist, das da vorbeizieht,
und braucht so keinen Kompromiß schließen,
um es zu begünstigen. Danach Vergessen
und Unschuld.
Lliçó d'historia

 

SONNENAUFGANG

Wieder eine Nacht, die sich davonmacht, und der Flügel
eines ungeheuren abgestürzten Flugzeugs hat sich zwischen
das massige Blau und das Fenster geschoben und ich frage mich,
ob es ein ganz schwaches Grün oder Silber ist, kühl,
eindringlich wie die Feinheit des Skalpells, das in die
Gebärmutter mit der Zumutung übermäßigen Lebens schneidet,
oder aber das Licht selbst, als die Hand des Jungen nachgibt,
die er lange genug geschlossen gehalten hat, um seine
Geschwister mit dem darin angeblich verborgenen Schatz zu ärgern.
Nach und gibt er die Beute heraus, und ich weiß, daß seine
Hand nichts enthält, das nicht schon gestern
untröstlich in mir war, und es fröstelt mich, mich wieder
einen Tag lang anschauen zu müssen, ausgelaugter
Kern einer Frucht, ohne Fleisch, der Nacht beraubt.
Punta de dia

 

EIN UNMÄSSIGER SONNENUNTERGANG

Diese menstruierende Sonne will nicht untergehen.
Schau dir diese rote Verrückte an, wie sie sich
dem sie bedeckenden Bettuch der Berge verweigert.
Wieder ein übertriebener Tag. Wieder geht ein Tag
unter, von dem du geglaubt hast, seine Farbe
werde nie wiederkehren, nie wiederkehren
wie das faulende Blut. Trockne dich ab, Licht,
zieh Wattestreifen aus Wolken heraus, reinige dich,
komm wieder, trink den klarsten Gin aus Mond und Meer.
El ponent excessiu

El ponent excessiu, von Johannes Beilharz (Ölkreide/Aquarell, 1999)

 

BLUMEN

Im Frühjahr neunzehnhundertzweiundfünfzig trugen
die Mädchen weiße Blusen und grüne
Strickpullover und auf der Straße erklang
das ungeduldige Summen von Blumen und Blättern,
in dem sich die schwarze Haut des Mandelbaums versteckte.
Ich zählte dreißig Jahre; auch die kommen mir jetzt frühreif
vor. Aber kein Wind richtet sie hin. Sie bleiben
da, nicht überzeugend und trocken, unter den ganzen Jahren,
die kommen, um das zerstreute Alter neu zu bedecken,
das stumpfe Weiß und das herbe Grün,
und jener leichte Wind in den breiten Straßen
mit Mädchen, Blumen und Blättern, die Erinnerung,
die mir davonläuft, ganz verwirrt, der Zukunft entgegen,
verwandelt sich in Verlangen, und mein Erinnern grünt wieder.
Floral

 

Gabriel Ferrater (Reus 1922 - Sant Cugat del Vallès 1972)

 

Die Originale dieser Gedichte stammen aus Gabriel Ferrater Mujeres y días, Editorial Seix Barral 1979. Copyright © Gabriel Ferrater 1968-1970. Übersetzungen Copyright © 1985-2000 Johannes Beilharz.

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Anthologie Katalanische Lyrik im zwanzigsten Jahrhundert (enthält ein weiteres Gedicht von Ferrater)